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| Das Blockflötenorchester |
von Gisela Colberg, 11.02.2006 |
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| Was ist ein Blockflötenorchester? |
| Ganz allgemein ist die Vorstellung des Sinfonie-, Kammer-, Jugendorchesters etc. verbunden mit dem Bild von vielen Streichinstrumenten, den Holz- und Blechbläsern, dem Schlagzeug, Pauken etc. Diese Formation ist fast jedermann geläufig und bekannt,“ auch der Klang eines solchen Orchesters ist uns im Ohr und im Gemüt gegenwärtig. Da ist ja auch eine uralte Orchester Erfahrung seit Jahrhunderten erworben und weiterentwickelt worden, welche uns im Unterbewusstsein bereits bei der Geburt mitgegeben wurde. |
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| Wie ist es denn nun mit dem Blockflötenorchester? |
| Was sehen wir als inneres Bild und welche Klangvorstellung verbindet sich für uns mit diesem Begriff? Wenn man herumhört, was stellen sich die Menschen vor, wenn man sie danach befragt? Achselzucken, Kopfschütteln, fragender Ausdruck sind so die Reaktionen der meisten Leute, die man nach Blockflötenorchester befragt. Die meisten Menschen hatten mal als Kind für kurze Zeit eine Blockflöte in der Hand und erwarben sich ein paar wenige Grundkenntnisse auf diesem Instrument, welches oft belächelt, nicht als vollwertiges Instrument anerkannt, also abgewertet wird, und als so genanntes «Einsteigerinstrument» bekannt ist. Leider vertreten diese Meinung auch heute noch etliche Musikpädagogen und Verantwortliche an Jugendmusikschulen. Vielen Kindern wird gesagt: |
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ja, spiel jetzt erstmal ein Jahr Blockflöte, dann darfst du ein «richtiges» Instrument erlernen. Zur Weihnachtszeit nehmen aber doch viele Eltern, Mütter und Väter, auch mal wieder ihre alte Blockflöte in die Hand und suchen die Töne von «O du fröhliche» und «Stille Nacht» wieder zusammen, um mit dem Kind zur weihnachtlichen Stimmung beizutragen. Fast immer ist hier von der Sopranblockflöte die Rede, allenfalls von der Altflöte. Dass es noch Tenor- und Bassblockflöten gibt, wissen schon nicht mehr alle, und dann die wunderschönen dunklen Klänge von Grossbass und Subbass, wer kennt den Grossbass und gar den Subbass? Eher bekannt ist dann noch die Sopraninoblockflöte, oder vielleicht auch noch das Garkleinflötlein. |
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| Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Blockflötenorchesters: |
Das Blockflötenensemble hat eigentlich keine Tradition, Blockflötenorchester hat es vor dem 20. Jahrhundert nicht gegeben. Michael Prätorius beschreibt zwar die Blockflöte als Familie, aber wahrscheinlich wurde sie eher in Kombination mit andern Instrumenten eingesetzt. Wir kennen den Begriff Broken Consort: Blockflöte in Verbindung mit Streichern, Tasten- bzw. Zupfinstrumenten.
Erst im 20. Jahrhundert begannen Komponisten |
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Werke für die im kirchlichen und schulischen Rahmen neu aufkommenden Musiziergruppen, die ausschliesslich mit Blockflöten besetzt waren, zu schreiben. So entstand der grösste Teil der Originalliteratur für Blockflötenensemble erst in der heutigen Zeit. Eberhard Werdin, Cesar Bresgen, Paul Hindemith, Siegfried Rath, Allan Rosenheck und andere Komponisten haben wertvolle Originalwerke für Blockflötenensemble ge-schrieben. |
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| Gründung der ersten Orchester |
| Dennis Bamforth gründete 1973 in England das erste Blockflötenorchester. Im Jahr 1965 organisierte er zusammen mit Colin Martin zum ersten Mal den «Northern Recorder Course» und stellte fest, dass viele begabte Blockflötenspieler nicht so viel zu tun hätten, ausser in einem kleinen Ensemble oder solistisch zu spielen.
Diese Spieler haben selten eine Möglichkeit in einem grossen Konzert ihr Können vorzutragen, kleinere konzertante Anlässe ausgenommen. Hingegen gibt es in einer Orchesterformation für alle Blockflötenspieler immer wieder Konzert-möglichkeiten. Aber wer kennt zum Beispiel eine Orchestergesellschaft für Blockflöten, wie es viele Orte mit einem Sinfonie- oder Kammerorchester als Verein bei uns in der Schweiz aufzuweisen haben? Zum Beispiel die Basler Sinfonietta oder die Orchestergesellschaft Affoltern am Albis? Es gäbe noch viele andere aufzuzählen. Ich meine es ist nun die Zeit gekommen, auch für Blockflöten Orchester zu gründen. |
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In England hat sich dann aus den Anfängen mit Dennis Bamforth sehr rasch das Blockflöten-orchester zur Grossformation entwickelt. Er komponierte auch das erste Originalstück für Blockflöten Orchester: «Divertimento». Dann kam die Idee, mit fortgeschrittenen Spielern ein Orchester zu gründen wozu sich 28 Spieler angemeldet hatten. Dort wurde auch erstmals die Komposition für Blockflöten Orchester «Prelude, Chorale and Fuge» von Colin Touchin musiziert und uraufgeführt. Dieses Projekt fand soviel Anklang und Begeisterung, dass Colin Touchin mit 38 Studenten vom Stockport Recorder College ein eigenes Orchester gründete. 1979 gab es dann in London auch ein eigenes Orchester und 1981 gründete Dennis Bamforth das Manchester Recorder Orchestra. Durch seine Initiative wurde 2002 auch das NYRO «National Youth Recorder Orchestra» gegründet. Bilder und Hörproben des NYRO sind auf ihrer Webseite abrufbar. |
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| Flexibilität der Ausführenden und Transpositionsfragen |
Dennis Bamforth vertrat die Ansicht, dass in einem Blockflötenorchester alle Spieler immer am selben Platz sitzen und das gleiche Instrument spielen müssen, sonst sei es kein Orchester. Ich möchte da noch einen Schritt weiter gehn und sagen, dass es beim Blockflötenspielen erst dann interessant wird, wenn man alle Flöten spielen und auch abwechseln kann, von der Sopranflöte bis zur Bassflöte, Grossbass und Subbass etc. Auch in Deutschland gibt es bereits Blockflötenorchester. Dietrich Schnabel leitet unter anderem das «Blockflöten Consort Dortmund».
Da die Blockflöten bekanntlich immer im Quintabstand erklingen, ist es nötig, dass man quasi permanent «transponieren» muss. Schlicht gesagt: man muss einfach gut lesen und die entsprechenden Griffe der jeweiligen Flöte spontan spielen können, um mit der Flöte in c oder in f spielen zu können. Wenn die Kinder erstmals nach ein bis zwei Jahren die Altflöte erlernen, sind sie zunächst verwirrt, weil sie anders greifen |
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müssen. Dann sollte mit der Altflöte wenn möglich auch oktaviert gelesen werden können. Notationen für die Altflöte sind in der Sololiteratur hoch notiert, das heisst f´ ist dann der tiefste Ton, hingegen ist in Ensemblewerken der Alt oftmals tief notiert, dann ist zum Lesen das kleine f der tiefste Ton. Aus diesen wenigen Erklärungen geht schon hervor, dass die Blockflöte gar nicht so einfach zu spielen ist, wie oft behauptet wird. Und wenn man bedenkt, dass dann noch Beherrschen von technischen Elementen dazu kommen betreffs Artikulation, Intonation, Abläufen von Fingerbewegungen, Hilfsgriffen, um einen Ton zarter erklingen zu lassen und viele andere blockflötenspezifische Kenntnisse betreffs Blastechnik, spezielle Trillergriffe, dann sehen wir, dass auch die Blockflöte ein anspruchsvolles, vollwertiges Instrument ist. Deshalb ist es mein Wunsch und grosses Anliegen, dass wir auch in der Schweiz solche Blockflötenorchester wie in England gründen können. |
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| Die Orchesterformation |
| Im Gegensatz zu einem Streichorchester ist die Besetzung beim Blockflötenorchester proportional umgekehrt: bei einem Blockflötenorchester von ca. 30 Spielern ist es vollkommen ausreichend, wenn eine einzige Sopranflöte führt, darüber ein Sopranino, aber je acht Alt-, Tenor- und Bassflöten, dazu erklingen, und wenn möglich drei Gross- und zwei bis drei Subbässe. Sind es 80-90 Spieler kann man auch maximal drei bis fünf Sopranflöten einsetzen. Die Erklärung ist einfach: Als Instrument, das Schneidetöne produziert, wächst die Schallintensität, einfacher gesagt: die Lautstärke mit der 7. Potenz zur Strömungsgeschwindigkeit der Luft an der Schneidekante. Je kleiner die Flöte, umso enger der Windkanal, umso höher die Strömungsgeschwindigkeit. Ein ähnliches Phänomen kann man beobachten, wenn in einem Sinfonieorchester eine Piccoloflöte, auch ein Schneidkanteninstrument, mit Leichtigkeit das ganze Orchester zu übertönen vermag. |
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| Problematische Punkte, welche beim Musizieren in grossen Gruppen immer wieder auftauchen: |
| Die Blockflötenspieler haben beim Spielen eines alle gemeinsam: wenn so viele Spieler zusammen sind, möchte sich jeder selber hören, das ist die grösste zu meisternde Schwierigkeit. Daraus entstehen die bestens bekannten Intonationsschwächen, die es dem Hörer so schwer machen Blockflötenmusik zu geniessen. Aber durch permanente übung können alle trainieren, weniger zu blasen, dem Gesamtklang nachzulauschen, mehr das Ganze zu hören und versuchen wahrzunehmen. Bei gewissen Tönen sind es die naturgegebenen «lauten» Töne nach der ersten Oktave. Hier kann man zum Testen erst leise blasen dann steigern bis sehr laut, ohne dass der Ton kippt, oder sich überschlägt wie bei den andern Tönen, das macht oft fast einen Ganztonschritt aus: bei den c-Flöten ist es das d, bei den f-Flöten das g. Hier kann man mit verschiedenen Hilfsgriffen sehr gut Abhilfe schaffen und schöne orchestrale Klänge erzielen. Die Blockflöte kann ja bekanntlich nicht forte und piano spielen, da sich die Intonation sonst massiv verändert, deshalb |
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muss man sehr gut auf unterschiedliche Artikulation achten und im Orchester daran arbeiten. Es lassen sich schöne Effekte dabei herauskristallisieren. Grosse Probleme bereitet allgemein das Staccato. Oft wird zu wenig an korrekter Zungenarbeit gearbeitet. Meistens sind die Zungenstösse zu dick zu breit, zu wenig fein und luftig. Für jedes Musikstück ist eine individuelle Artikulation nötig. Auch daran lässt sich sehr gut arbeiten und klangliche-musikalische Verbesserung bewirken. Zur musikalischen Gestaltung gehört auch die Beachtung der Atemzäsuren, welche oft nicht beachtet werden. Bis zu gewissem Grad sind Crescendi und Decrescendi möglich, auch Glissando bei Musik aus dem 20. Jahrhundert ist machbar. Alles eine Frage der ständigen übung und Weiterentwicklung. In gewisser Weise sind unsere Blockflötenspieler betreffs Orchesterspiel unterentwickelt, was ja kein Wunder ist. Haben die Streicher in ihren Orchestern ja bereits jahrhunderte lange Erfahrung. |
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| Ein voller sauberer Blockflötenorchesterklang ist faszinierend, warm und einfach schön. In der ersten Stimme sollte eine virtuose Blockflötenspielerin oder ein virtuoser Spieler sein. Dort muss die Führung liegen, auch mit Dirigent, gleich wie beim Streichorchester wo der/die Konzertmeister/in führt. In den Bässen, Gross- und Subbässen sind möglichst viele Instrumente wünschenswert. Der Boden, oder der Klangteppich auf dem sich die hohen Flöten bewegen ist ganz wichtig. Er ist quasi das klangliche Fundament, worüber sich die musikalischen Figuren und Elemente entfalten. |
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Aus England sind im 20. Jahrhundert einige Komponisten für Blockflötenorchester bekannt: Dennis Bamforth als erster, Paul Clark, Ian Farquhar, John Hawkes, David Moses, Walter Bergmann und andere. Auch Colin Touchin gehört zu den ersten Komponisten in England - er hatte 2003 den Auftrag ein Werk fürs Manchester Festival zu komponieren «Manchester Welcome» welches dann von 250 Blockflöten gespielt wurde. |
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| Allen Blockflötenfreunden, Blockflötenlehrern und Blockflötenfans möchte ich Projekte und Seminare sehr ans Herz legen und freundlich darum bitten, die «Blockflötenorchester Idee» mit Wohlwollen und Bekanntmachung an Freunde und Bekannte zu verbreiten und zu unterstützen, dafür danken wir herzlich! |
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